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Porträt Wahlheimat auf Zeit

2011 door Ingrid Schaap

Foto: Ingrid Schaap Tekst: Joel Bisang.

Ludmilla Skinner, Niederländerin mit afrikanischen Vorfahren, hat vier Jahre als Expat in der Schweiz verbracht. Nun ist sie zurück in flacheren Gefilden und wirft einen Blick zurück auf die Alpenrepublik.

Die Plakate der SVP, die ein schwarzes Schaf zeigen, das von weissen Schafen von der Schweizer Weide vertrieben wird, waren nicht zu übersehen, als Ludmilla Skinner im Jahr 2007 in Zürich ankam. In der Schweiz war gerade Wahlkampf, und Berichte über die umstrittene Wahlwerbung hatten auch in ihrer Heimat, den Niederlanden, die Runde gemacht. Die von Freunden geäusserten Befürchtungen, der Schweizer Alltag könnte punkto Rassismus unangenehme Überraschungen bereithalten, bestätigten sich indes nicht.

«Meine Hautfarbe war eigentlich nie ein Thema», sagt die Niederländerin mit surinamesischen Wurzeln, deren Vorfahren ursprünglich aus Afrika stammen. Das Strassenbild in den Schweizer Städten sei zwar im Vergleich mit den Niederlanden weniger stark von Menschen verschiedener Hautfarbe geprägt. Negative Reaktionen habe sie deswegen aber keine erlebt, zumindest seien sie ihr nie aufgefallen. «Ich bin in der niederländischen Randstad aufgewachsen, wo das Mit- und Nebeneinander von Menschen verschiedenster Herkunft und Hautfarbe eine Selbstverständlichkeit ist», sagt sie. Die Randstad ist das Ballungsgebiet der grössten niederländischen Städte und erstreckt sich über mehrere Provinzen. Es hat etwa acht Millionen Einwohner und ist damit dicht bevölkert. Über Äusserlichkeiten wie ihre Hautfarbe hat sich Ludmilla Skinner hier nie viele Gedanken gemacht. Ihr Mann ist Niederländer und weiss.

«Spontane Unterhaltungen beim Warten an der Tramhaltestelle sind in der Schweiz selten.»

Grössere Herausforderungen hielt die Schweiz auf einem anderen Gebiet bereit. Hier einfach Hausfrau zu sein und sich auf das Lernen der Sprache und die Pflege des Freundeskreises zu beschränken, sei für sie nie in Frage gekommen, erklärt sie, deren Mann für ein internationales Pharmaunternehmen tätig ist: «Das hätte mich langfristig nicht befriedigt und unserer Beziehung hätte es wohl kaum gut getan.» Dass aber auch ein Hochschulabschluss und das Beherrschen mehrerer Sprachen in einem fremden Land noch längst kein Garant für eine Arbeitsstelle sind, wurde ihr schnell einmal klar. «Während mein Mann mehr oder weniger da weitermachen konnte, wo er in den Niederlanden aufgehört hatte, musste ich komplett neu beginnen und mir ohne Netzwerk etwas aufbauen », erzählt sie. «Dazu braucht es Geduld und die Bereitschaft, sich auf neue und nicht immer einfache Umstände einzulassen.» Nach einigen Monaten intensivem Sprachunterricht und ersten Erfahrungen als administrative Mitarbeiterin fand sie schliesslich eine ihrer Ausbildung entsprechende Stelle bei einem Personalvermittler. Doch am Ziel war sie damit noch nicht angelangt. «Ich war, wie viele Expats, auf der Suche nach einer Arbeit, die ich überall ausüben konnte, sei es in der Schweiz, zu Hause in den Niederlanden oder in irgendeinem anderen Land.» Eine berufsbegleitende Coaching-Ausbildung ermöglichte ihr schliesslich den Weg in die Selbständigkeit. Ihr noch in Zürich gegründetes eigenes Porträt Wahlheimat auf Zeit Ludmilla Skinner, Niederländerin mit afrikanischen Vorfahren, hat vier Jahre als Expat in der Schweiz verbracht. Nun ist sie zurück in flacheren Gefilden und wirft einen Blick zurück auf die Alpenrepublik. Beratungsunternehmen hat die Dreissigjährige mittlerweile in die Niederlande übersiedelt.

Auf konkrete Unterschiede zwischen Heimatland und Wahlheimat angesprochen, lässt sich Skinner Zeit, um zu überlegen. Beide Gesellschaften seien offen und modern, sagt sie schliesslich. Unterschiede zeigten sich im Detail. Was die Chancengleichheit der Frauen anbelangt, sei es in der Schweiz in ihren Augen etwas schlechter bestellt als in den Niederlanden. Zumindest habe sie den Eindruck, in den Niederlanden sei es für Frauen dank eines grösseren Angebots an Teilzeitstellen und etwas flexibleren Arbeitgebern leichter, Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen.

Vor allem sind der Jungunternehmerin aber die Mentalitätsunterschiede zwischen Niederländern und Schweizern aufgefallen. Ihr leicht ironischer Befund: «Spontaneität ist definitiv nicht der auffälligste Charakterzug der Schweizer.» Die freundliche Zurückhaltung vieler Eidgenossen im Alltag habe ihr, gewöhnt an die direkte, manchmal etwas raue Art der Niederländer, teilweise schon etwas Mühe bereitet. Spontane Unterhaltungen mit Fremden, sei es beim Warten an der Tramhaltestelle oder im Ausgang, seien selten, und oft reagierten die Leute etwas verdutzt, wenn man sie anspreche. Der Umgang miteinander sei in der Schweiz zwar ziemlich reibungslos, verhindere so aber auch Begegnungen.

So sei es doch eher die Ausnahme, dass ein Mann sich getraue, im Ausgang eine Frau anzusprechen, ohne sich vorher gut Mut angetrunken zu haben, findet sie. Und die gut gestylten Schweizerinnen reagierten entsprechend unbeholfen bis kühl, wenn das andere Geschlecht dann mal den ersten Schritt wage. «Neue Bekanntschaften zu machen, ist in der Schweiz auf jeden Fall ein nicht ganz einfaches Unterfangen», seufzt die Ex-Schweizerin auf Zeit, betont allerdings im gleichen Atemzug, die Schweizer seien aller Zurückhaltung zum Trotz nicht weniger herzlich als die Holländer: «Es braucht einfach etwas mehr Zeit, bis sie einen ins Herz schliessen.»

Beeindruckt ist Skinner auch nach vier Jahren noch von der allerseits herrschenden Sauberkeit und der Schönheit der hiesigen Landschaft. «Manchmal ist die Schweiz beinahe irritierend sauber», lacht sie . Auch bezüglich Qualitätsbewusstsein und Dienstleistungsbereitschaft könnten sich die Niederländer eine dicke Scheibe von den Schweizern abschneiden. «Der Lebensstandard ist auch im Vergleich mit den nicht eben armen Niederlanden hoch und es funktioniert beinahe alles immer perfekt.» Letzteres sieht sie mit als Grund dafür, dass man sich hier manchmal etwas übertrieben über doch eher unbedeutende Probleme wie beispielsweise verspätete Züge ärgert. «Bei solchen Gelegenheiten merkt man dann jeweils, dass die Schweizer etwas verwöhnt sind.»